Hallo liebe Pferdebesitzer,
sicherlich habt ihr es fast alle schon einmal erlebt: Das Pferd verletzt sich und der Tierarzt spritzt - ob vorbeugend oder weil tatsächlich schon eine Infektion vorliegt - Penicillin und einen Entzündungshemmer.Genau das ist auch bei meinem Pferd so geschehen und mein Pferd wäre daran fast eingegangen.
In der Fachsprache heißen diese Entzündungshemmer "nicht-steroidale Antiphlogistika". "Nicht-steroidal" bedeutet "ohne Cortison", "Antiphlogistikum" heißt nichts anderes als "Entzündungshemmer". Sie haben unterschiedliche Produktnamen, im Falle meines Pferdes war es "Finadyne"(Wirkstoff: Flunixin). Bekannt dürfte wohl allen "Equipalazone"sein (Wirkstoff: Phenylbutazon), ein "Pülverchen", zu dem aus meiner Erfahrung von den Tierärzten schnell gegriffen wird, besonders bei Einschussphlegmonen. Bei dem, was meinem Pferd passiert ist, kann ich mich allerdings nur wundern, wie leichtfertig seitens der Tierärzte mit diesen Medikamenten umgegangen wird, wo doch die Nebenwirkungen so verheerend sein können. Und dann vom Tierarzt bedauerlicherweise nicht einmal - obwohl genauso aufgetreten wie im "Beipackzettel" beschrieben - erkannt werden.
Mein Pferd hatte sich beim Toben im Auslauf eine Wunde unterhalb des Ellenbogens zugezogen. Daraufhin wurde neben Penicillin besagter Entzündungshemmer gespritzt. Am nächsten Tag zeigte mein Wallach ein gestörtes Allgemeinbefinden. Er war apathisch, depressiv, schien "in sich gekehrt", hatte Fieber und fraß kaum noch. Ich habe den Tierarzt gerufen. Der spitzte noch einmal dasselbe. Am nächsten Tag keine Veränderungen, dazu auch noch kein Äpfelabsatz mehr. Wieder habe ich den Tierarzt geholt. Er kam, meinte das Pferd sei "verstopft" (warum hat er aber nicht hinterfragt!), Nasenschlundsonde gesetzt, Paraffin eingeführt und noch einmal Finadyne gespritzt. All meine mehrfach geäußerten Zweifel (Pferd hat noch nie gekolikt, zeigte kein Kolikerverhalten, sondern war "wie sediert") wurden in den Wind geschlagen.
Heute weiß ich: Mein Pferd war längst in einem Nierenversagen, ausgelöst durch die immerwährende Gabe von Finadyne. Niemand ahnte das. Am wenigsten offensichtlich der behandelnde Tierarzt, von dem man annehmen sollte, dass ihm die Nebenwirkungen der von ihm verabreichten Arzneimittel geläufig sind.
Weil ich nicht an "Pest und Cholera" gleichzeitig geglaubt habe, habe ich eine Freundin angerufen, die als Amtstierärztin tätig ist. Sie hat sofort Alarm geschlagen. Eine Stunde später war mein Pferd in der Klinik. Diagnose: Akutes Nierenversagen, ausgelöst durch den nicht-steroidalen Entzündungshemmer. Die Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff) waren katastrophal hoch, das Pferd war dehydriert. Mein Pferd war dabei von innen auszutrocknen und sich selbst zu vergiften. Der Tierarzt, kein Neuling, sondern ein schon lange praktizierender, hatte überhaupt keine Ahnung davon gehabt.
Mein Wallach war fast drei Wochen in der Klinik. Davon stand er über eine Woche am Tropf und sie haben täglich 60 Liter Infusionslösung durch ihn durchgejagt, um seine Nieren wieder in Gang zu bringen. Er war ein Häufchen Elend, aber er ist immer ein Kämpfer gewesen. Er hat es geschafft und wird wohl wieder vollständig gesund werden. Das haben wir den kompetenten Ärzten in der Klinik zu verdanken, die schnell die richtige Diagnose gestellt und sofort die richtigen Behandlungsmaßnahmen ergriffen haben.
Viele von euch werden jetzt denken: War eben Pech, so eine Nebenwirkung kann immer mal - wenn auch selten - auftreten. Selten vielleicht, aber nicht so selten, wie man annimmt. In der Pferdeklinik kannte man die Probleme mit nicht-steroidalen Entzündungshemmern gut. Zeitgleich mit meinem Pferd war ein weiteres Pferd mit derselben Diagnose aufgrund desselben Medikaments in der Klinik. Soviel Glück wie wir hatten, haben nicht alle. Wir waren noch rechtzeitig da (dank meiner Freundin) und sind an einen Klinikarzt geraten, der genau wusste, was er tat. Manche Pferde schaffen es nicht und müssen eingeschläfert werden oder sie behalten einen chronischen Nierenschaden zurück.
Deshalb meine Bitte zur Vorsicht an alle: Seid nicht so unbekümmert im Umgang mit Equipalazone und anderen Entzündungshemmern. Sie sind unter Fachleuten bekannt dafür, bereits nach der ersten Anwendung, auch bei kerngesunden Pferden ein Nierenversagen auslösen zu können. Dies steht bei all diesen Medikamenten in den Fachinformationen. Bei längerer Anwendung sollten unbedingt Blutbildkontrollen durchgeführt werden. Hinterfragt auch die Behandlung durch den Tierarzt. An jeder Spritze kassiert er gut 30 . Zieht notfalls einen zweiten Tierarzt zu Rate.
Wenn ihr aber dennnoch um einen Entzündungshemmer einmal nicht herumkommt: Beobachtet eurer Pferd. Zeigt es plötzlich Fressunlust, hat es die Ohren abgeklappt, das Mäulchen verkniffen und wirkt es "in sich gekehrt" und fast so als wäre es sediert, lasst sofort ein Blutbild machen, notfalls fahrt gleich in die Klinik. Ein akutes Nierenversagen kann nur in der Pferdeklinik behandelt werden, da das Pferd mehrere Tage Infusionen bekommen muss, um die Nieren wieder in Gang zu bringen. Der Klinikaufenthalt kostet in solchen Fällen mehrere Tausend Euro. Der Erfolg der Behandlung ist nicht sicher. Wir haben sehr viel Glück gehabt. Das muss nicht immer so sein...
Viele liebe Grüße
Barbie
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